Die obere Hälfte des Motorrads.

Über die Einheit von Mensch und Maschine.
Bernt Spiegel

Preis: DM 39,80

Gebundene Ausgabe - 284 Seiten (1999) Motorbuch-Verlag, Stuttgtar
ISBN: 3613019957

 

 

Kein Buch zum Schmökern, sondern zum aufmerksamen Lesen.

Es geht um das WIE, wie fahre ich Motorrad und wie kann ich Fehler vermeiden, wie kann ich besser fahren?

Kein Mensch weiss genau wie er fährt, er tut´s einfach. Motorradfahren ist ein gelerntes PROGRAMM ähnlich wie gehen oder aus einer Tasse trinken. Niemand weiss genau wie er geht (wann spanne ich den Oberschenkelmuskel an, wann Unterschenkel und wann kommen die Fussmuskeln zum Einsatz?) oder wie er trinkt (wie schief muss ich die Tasse halten, wie muss ich die Wangenmuskulatur anspannen, wann muss ich schlucken) sondern man tut es einfach. Der Wille (ICH) beschliesst einfach "Ich gehe Zigaretten holen" oder "Ich trinke einen Kaffee", der Rest läuft automatisch.

Beim Motorradfahren (auch Autofahren) ist es genauso: Wenn ich auf eine Kurve zufahre, bremse ich an, lenke ein, gehe ich Schräglage, gebe Gas und komme aus der Kurve raus. Ich habe NICHT berechnet wo der Bremspunkt ist (wahrscheinlich weiss ich noch nicht einmal genau wie schnell ich bin (81,5 oder 85,6 km/h?), wo der Einlenkpunkt, wie die Ideallinie ist und wo ich wieder angasen kann. Das alles geschieht automatisch im Unterbewustsein (Franz von Assisi nannte diesen Teil von sich "Bruder Arsch").

Es kommt noch schlimmer :-)

Wenn ich versuche bewusst in diesen Prozess einzugreifen, habe ich auf einmal den ganzen Klumpatsch am Hals und muss bremsen kuppeln einlenken schräglage gasgeben. Kurz genau das tun, was man tut wenn man nur auf sein Vorderrad starrt: völlig verkrampft um die Kurve eiern.

und besser:

"Bruder Arsch" ist in der Lage das Motorrad als Teil von sich zu integrieren (ähnlich wie essen mit Messer und Gabel: Ich fühle durch die Messerschneide ob das Fleisch zäh ist oder nicht) und z.B. durch das Moped hindurch von den Reifen Informationen über die Fahrbahn zu erfahren. Das sogenannte Popometer.

Mit diesem Background wird klar wieso schlechte Angewohnheiten so schwer wieder los zuwerden sind und wie es doch geht. Darum geht es im Rest des Buches.

Das letzte Buch, das mir einen Zusammenhang so gut erklärte war Vesters "Denken, Lernen, Vergessen"

Sehr lesenswert, aber nicht einfach!

 

HUM

Zum Schluss noch ein paar Zitate:

"Doch lassen wir von nun an die verschiedenen alten und verschiedenen schnellen Gehirnteile, die da aufeinandergesetzt und kompliziert zusammengeschaltet sind, außer Acht, ja lassen wir überhaupt das ganze körperlich Substrat unberücksichtigt und einigen wir uns auf zwei vielleicht nicht sehr genaue, dafür aber äußerst handliche Begriffe, auf ´Ichperson´ und ´Tiefenperson´........

Nun, das war eben wirklich ein ganz spontanes Fahren: Der Bewegungsentwurf wurde spontan in sofortiges Handeln umgesetzt - nämlich auf direktem Wege, unverfälscht durch die zögerlich Ichperson mit ihrem schwerfälligem Großhirn, aber eben auch unkontrolliert und in seinen möglichen Folgen nicht bedacht......

Hier nocheinmal, was ein Evidenzerlebnis ist, nämlich die unmittelbare Einsicht in eine Situation mit der Gewissheit der Richtigkeit. Unmittelbar heißt dabei: nicht auf verstandesmäßigem Weg gewonnen,.....

Nicht mit den Zähnen bremsen!...Weit vorausschauen!...Spät einlenken!.....Kopf aus der Schräglage!"